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Leitlinien der GZM

Stellungsnahme der GZM zur Notwendigkeit systemischen Denkens, Entscheidens und Handelns in der ZahnMedizin

Die Systemnatur des Menschen

Der Mensch ist ein hochkomplex vernetztes, sich selbstregulierendes biologisches System. Dieses System besteht aus zahlreichen Teilsystemen, zwischen denen intensive Wechselwirkungen in Form von Materie, Energie und Information stattfinden. Als höchstentwickeltes biologisches System besitzt der Mensch Bewusstsein über sich selbst und sein Umfeld. Dadurch kann der Mensch bewusst und eigenverantwortlich denken, entscheiden und handeln. Er wird so zum bio-psychischen System.

Der Mensch als bio-psychisches System ist eingebunden in das größere Netzwerk anderer biologischer, sozialer und ökologischer Systeme. Zwischen dem biologischen System "Mensch" und den anderen Teilen dieses größeren Systems bestehen intensive Wechselwirkungen in Form von Materie, Energie und Information. Dadurch wird aus dem biologischen System "Mensch" ein bio-psycho-öko-soziales System.

Die Systemvernetzung des orofazialen Systems

Das orotaziale System ist ein Teilsystem dieses hin-psycho-öko-sozialen Systems. Es ist anatomisch und neurophysiologisch intensiv und hochkomplex vernetzt mit anderen Kör­persystemen. Es tritt mit diesen Innensystemen und auch mit Außensystemen der Umwelt in Wechselwirkung.

Veränderungen im orofazialen System können sich deshalb auf andere Teilsysteme auswir­ken. Umgekehrt können Veränderungen in anderen Teilsystemen im orofazialen System relevant werden. Deshalb besteht eine Notwendigkeit systemischen Denkens, Entscheidens und Handelns in der Medizin und Zahnmedizin.

Gesundheit und Krankheit

Auf der Basis der Systemsicht des Menschen und der Notwendigkeit systemischen Denkens, Entscheidens und Handelns in der Medizin definieren wir die Begriffe "Gesundheit" und "Krankheit":

Gesundheit ist mehr als das Fehlen von Krankheit. Beide Zustände bilden die Pole eines Feldes, in dem sich das bio-psycho-öko-soziale System "Mensch" hin und her bewegt: In diesem Feld gibt es Kräfte, die den Menschen in Richtung "Gesundheit" ziehen. Diese Kräfte nennen wir "gesundheitsbildend" und sprechen von Vorgang der Gesundheitsbildung als "Salutogenese". Kräfte, die den Menschen Richtung "Krankheit" ziehen, nennen wir "krankheitsbildend". Der entsprechende Vorgang der Krankheitsbildung wird als "Pathogenese" bezeichnet. Es hängt in erster Linie von der Lebensführung des betreffenden Menschen ab, welche Kräfte in seinem Leben zum Tragen kommen.

Salutogenese — Wie Gesundheit entsteht und welche praktischen Konsequenzen sich daraus ergeben

Gesundheit entsteht im rhythmischen Wechsel zwischen der Schöpfung gesundheitsbildender Werte und angemessener Regeneration und Erholung.

Die wichtigsten gesundheitsbildenden Werte sind:

  • Sinnverwirklichung und Selbstverwirklichung,
  • Verhaltensautonomie (Selbstbestimmung und Selbstverantwortung),
  • Verhaltensflexibilität und Wahlfreiheit,
  • Selbstvertrauen und Selbstachtung,
  • Zuversicht, Optimismus und Hoffnung,
  • Wirtschaftliche Sicherheit und finanzielle Freiheit,
  • Zuneigung, Respekt und Liebe gegenüber anderen Menschen,
  • Anerkennung und Wertschätzung durch andere Menschen,
  • Tragfähiges soziales Netzwerk und
  • Leben in Harmonie und im Einklang mit der belebten und unbelebten Natur.

Jeder Mensch ist selbst verantwortlich für die Schaffung entsprechender gesundheitsbildender Kompetenzen und Lebensbedingungen.
Die Rolle des Zahnarztes/Arztes/Therapeuten ist dabei die des Beraters. Als Berater schult und befähigt er seine Klienten zur eigenverantwortlichen Schaffung gesundheitsbildender Lebensbedingungen.

Pathogenese — Wie Krankheit entsteht und welche praktischen Konsequenzen sich daraus ergeben

Die Wechselwirkungen zwischen den Teilsystemen des Systems "Mensch" (= innere Wechselwirkungen) und zwischen dem System "Mensch" und den anderen Teilen des größeren sozio-ökologischen Systems (= äußere Wechselwirkungen) bedeuten für das System "Mensch" Irritationen. Diese Irritationen wirken grundsätzlich als Störungen der strukturellen und funktionellen Ordnung des Systems "Mensch".

Zur Wiederherstellung und Aufrechterhaltung der strukturellen und funktionellen Ordnung besitzt das System "Mensch" spezialisierte Teilsysteme: die sogenannten Regulationssysteme. Die Regulationssysteme regulieren, adaptieren und kompensieren innere und äußere Irritationen. Solche Regulationssysteme sind zum Beispiel: * das unspezifische und spezifische Immunsystem * das Thermoregulationssystem * das sensomotorische Nervensystem * das vegetative Nervensystem * die Psyche * das Endokrine System Irritationen können durchaus förderlich sein. Ihre Regulierung stärkt die strukturelle und funktionelle Ordnung des Systems "Mensch". Schädliche Irritationen dagegen, die dauernd und/oder intensiv die strukturelle und funktionelle Ordnung stören, werden als Störfaktoren oder Störfelder bezeichnet. Sie belasten die strukturelle und funktionelle Ordnung im System.

Zur Wiederherstellung und Aufrechterhaltung der strukturellen und funktionellen Ordnung besitzt das System "Mensch" spezialisierte Teilsysteme: die sogenannten Regulationssysteme. Die Regulationssysteme regulieren, adaptieren und kompensieren innere und äußere Irritationen.

Solche Regulationssysteme sind zum Beispiel:

  • das unspezifische und spezifische Immunsystem
  • das Thermoregulationssystem
  • das sensomotorische Nervensystem
  • das vegetative Nervensystem
  • die Psyche
  • das Endokrine System

Schädliche innere und äußere Irritationen sind belastende Störfaktoren bzw. Störfelder.
Irritationen können durchaus förderlich sein. Ihre Regulierung stärkt die strukturelle und funktionelle Ordnung des Systems "Mensch". Schädliche Irritationen dagegen, die dauernd und/oder intensiv die strukturelle und funktionelle Ordnung stören, werden als Störfaktoren oder Störfelder bezeichnet. Sie belasten die strukturelle und funktionelle Ordnung im System.

Pathogenese — Akute und chronische Störfaktoren bzw. Störfelder

Störfaktoren können akut oder chronisch sein. Die Wirkungen akuter schädlicher Irritationen sind linear: Sie wirken vorhersehbar und zunächst lokal am Einwirkungsort. Bei längerer Einwirkungsdauer und hoher Einwirkungsintensität wirken sie auch auf benachbarte Teilsysteme.
Die Wirkungen chronischer Belastungen sind nicht linear, sondern fraktal. Das bedeutet: Kleinste Irritationen können sich je nach den vorliegenden systemischen Bedingungen einmal bis zur Symptomausprägung aufschaukeln, ein andermal ohne symptomatisch relevante Wirkung bleiben. Dies ist durch den nicht-linearen Systemcharakter dieser Prozesse unvorhersehbar.

Chronische Störfaktoren und Störfelder können auf der mechanischen,
(bio-)chemischen, psychischen und physiologischen bzw. physikalischen Ebene auftreten.
Als chronische Störflaktoren und Störfelder wirken:

Mechanische Störfaktoren

  • Traumata bei Geburt, Verletzungen und Operationen
  • Habits/Fehlhaltungen/Fehlfunktionen
  • Körperliche Überlastungen (Beruf und Sport)
  • Körperliche Unterforderung
  • morphologische Veränderungen/Degenerationen
  • Narben/Geschwüre/Wundheilungsstörungen

(Bio-)Chemische Störfaktoren

  • Umweltbelastungen
  • Allergisierende Stoffe
  • Mangelzustände
  • Ernährungsfehler
  • Hormonelle Fehlfunktionen
  • Immunologische Dysfunktionen , v.a. Darm, chronische Entzündungen
  • Stoffwechselfehlfunktionen
  • Fehlfunktionen im Säure-Basen-Haushalt

Psychische Störfaktoren

  • Psycho-emotionale Störungen
  • Psycho-soziale Störungen
  • Psycho-mentale Störungen und Unterforderung
  • Psycho-spirituelle Belastunge

Physiologische und (bio-)physikalische Störfaktoren

  • Fehlfunktionen im Zentralnervensystem
  • Fehlfunktionen des peripheren Nervensystems
  • Belastungen durch äußere physikalische Störfelder
Pathogenese — Regulationspathologie

Bei der Regulation akuter Störfaktoren können lokal am Einwirkungsort die Symptome einer akuten Erkrankung auftreten. Bei Überforderung der lokalen Regulation am Ort der Einwirkung einer Irritation kann sich das betroffene Teilsystem innerhalb eines gewissen Rahmens und ohne großen Energieaufwand adaptieren.

Bei der Überlastung der Regulations- und Adaptationskapazität durch chronische und/oder besonders intensive Störfaktoren kommt es zur lokalen Kompensation. Wird auch die lokale Kompensationskapazität überlastet, so entstehen zunächst keine Symptome. Denn vernetzte Nachbarsysteme kompensieren diese lokalen Überlastungen (= systemische Kompensation).

Wird schließlich auch die systemische Kompensation überlastet, entstehen am Ort der Überlastung Symptome. Diese Symptome haben großes Chronifizierungspotenzial. Von einer chronischen Erkrankung wird gesprochen, wenn die Symptome länger als sechs Monate bestehen, therapieresistent und rezidivierend sind.

Pathogenese — Chronische Erkrankungen

Die Symptome einer chronischen Erkrankung entstehen nicht am ursprünglichen Einwirkungsort eines chronischen Störfaktoren bzw. Störfelds, sondern in den Systemen, die Kompensationsleistungen erbringen: Das chronische Symptom lügt! Das bedeutet: Der Symptomort entspricht nicht dem ursprünglichen Einwirkungsort der chronischen Irritation.

In der Regel liegt bei chronisch kranken Menschen eine Vielzahl solcher Regulations-, Adaptations- und Kompensationsmuster von physikalischen, chemischen und psychischen Belastungen vor, die sich gegenseitig beeinflussen.

Diagnostische Konsequenzen

Aus der Komplexizität und Unvorhersehbarkeit dieser systemischen Zusammenhänge ergeben sich bei chronischen Erkrankungen folgende diagnostische Konsequenzen:

  • Bei jedem Patienten wird individuell erhoben, welche chronischen Störfaktoren vorliegen und welche davon besonders belastend wirken. Das nennen wir Störfelddiagnostik.
  • Die Erhebung von Systembefunden deckt das gesamte System strategisch ab. Alle Befundkategorien und -lokalisationen müssen hinreichend berücksichtigt werden. Das nennen wir Systemdiagnostik.
  • Der diagnostisch wichtigste Schritt ist die Erkennung von Symptom- und Befundmustern zur Beschreibung des individuell vorliegenden Systemzustands. Das nennen wir systemische Mustererkennung.

Auf der Basis der systemischen Mustererkennung lassen sich gezielte Interventionen mit Wirkung auf das gesamte System bestimmen. Jedoch lassen sich bei chronische Kranken durch auch noch so intensive Erhebung von Befunden in einem isolierten Teilsystem keine erfolgversprechenden Interventionen ableiten.

Therapeutische Konsequenzen

Auf der Basis der Störfelddiagnostik, der Systemdiagnostik und der systemischen Mustererkennung ergeben sich vier therapeutische Vorgehensweisen:

  • Symptomorientiertes Vorgehen: Das symptomorientierte Vorgehen ist bei akuten Erkrankungen angezeigt. Es ist eine Domäne der universitären Medizin.
  • Autoregulatives Vorgehen: Beim autoregulativen Vorgehen werden vom Behandler therapeutische Reize (= therapeutische Irritationen) gesetzt. Dadurch werden die systemeigenen Regulationssysteme aktiviert, um die Ordnung im System wieder herzustellen.
  • Eliminierung chronischer Störfaktoren/Belastungen: Vorliegende Störfaktoren/Belastungen werden in der Reigenfolge ihrer individuellen Wichtigkeit nach eliminiert.
  • Prävention: Der Patient wird bezüglich präventiver Lebensführung zur Vermeidung von chronischen Irritationen beraten und geschult. Die Schwerpunkte der präventiven Lebensführung sind Ernährung, Bewegung und Stress-Management.

Aufgrund der Komplexizität und Unvorhersehbarkeit der systemischen Zusammenhänge ist vor der Behandlung chronischer Erkrankungen ein Heilungsversprechen nicht möglich und nicht zulässig.

Auf der Basis dieser grundlegenden Stellungnahme werden für die verschiedenen Aspekte der ZahnMedizin Leitlinien erarbeitet:

  • Patientenaufklärung und Patientendokumentation
  • Wissenschaftlichkeit und Objektivierbarkeit in der Medizin und ZahnMedizin aus systemischer Sicht
  • Rechtliche Stellungnahme zur Ganzheitlichen Zahnmedizin
  • Biokompatibilität zahnärztlicher Materialen
  • Odontogene Störfelder
  • Kraniomandibuläre Dysfunktionen
  • Systemische Parodontologie
  • Systemische Kieferorthopädie
  • Störfelddiagnostik
  • Regulationsdiagnostik